Mai 2026 – Etwa 20 bis 30 Prozent aller Verwundeten aus militärischen Einsatzgebieten weist laut aktuellen Studien Verletzungen im Gesichts- und Halsbereich auf. Dabei handelt es sich häufig um komplexe Brüche des Mittelgesichts oder um Unterkieferfrakturen, auch Brüche der knöchernen Augenhöhle treten oft auf. Diese Verletzungen zählen zu den anspruchsvollsten Traumata überhaupt, da sie zentrale Funktionen wie Atmung, Nahrungsaufnahme, Sprache und Sinneswahrnehmung betreffen und oft mit massiven Blutungen einhergehen. Experten der Deutschen Gesellschaft für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie e.V. (DGMKG) erläutern auf ihrer Online-Pressekonferenz am 10. Juni von 11 bis 12 Uhr, wie diese komplexen Verletzungen mittels moderner MKG-Chirurgie behandelt werden. Hier können Sie sich für die virtuelle Veranstaltung anmelden.
Die Online-Pressekonferenz findet anlässlich des 76. Kongress & Praxisführungsseminars der DGMKG statt, der vom 10. bis 13. Juni 2026 in Ulm tagt. Das diesjährige Motto lautet „MKG 4.0 Symbiose von zivilen und militärischen Anforderungen“.
„Gerade im Einsatz verschieben sich die Prioritäten: Es geht darum, Leben zu retten, Atemwege zu sichern und schwerste Verletzungen im Gesichtsbereich schnell zu stabilisieren“, erklärt Professor Dr. med. Dr. med. dent. Alexander Schramm, Präsident des DGMKG-Kongresses 2026 und Ärztlicher Direktor der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie des Zentrums für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde am Universitätsklinikum Ulm. Die Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie nimmt bei der Behandlung von Kriegsverletzten eine Schlüsselrolle ein, da sie chirurgische Präzision mit interdisziplinärer Expertise verbindet und eng mit Anästhesie, Unfallchirurgie, Neurochirurgie sowie HNO- und Augenheilkunde zusammenarbeitet.
Atemwege sichern – entscheidend für das Überleben
Ein zentrales Element in der Akutversorgung ist das Atemwegsmanagement. Verletzungen im Gesichtsbereich können innerhalb kürzester Zeit zu lebensbedrohlichen Atemwegsverlegungen führen. Deshalb gehören Verfahren wie die Notfall-Koniotomie – bei der ein künstlicher Zugang zu den Atemwegen in Höhe des Kehlkopfes geschaffen wird – oder die Tracheotomie, bei der ein operativer Zugang zur Luftröhre vorgenommen wird, zu den essenziellen Kompetenzen der MKG-Chirurgie. „Diese Eingriffe sind unter extremen Bedingungen, etwa im Feld, in provisorischen Behandlungszentren oder bei eingeschränkter Infrastruktur besonders herausfordernd“, so Schramm. Parallel dazu sei die rasche Kontrolle von Blutungen entscheidend, um einen lebensbedrohlichen Schock zu verhindern.
Wiederherstellung von Funktion und Identität des Gesichtes
Neben der unmittelbaren Lebensrettung spielt die Gesichtsrekonstruktion eine zentrale Rolle. Überlebende schwerer Verletzungen stehen häufig vor langwierigen Behandlungsprozessen. Ziel moderner MKG-Chirurgie ist es, sowohl Funktion als auch Ästhetik des Gesichtes wiederherzustellen. Hier kommen mikrochirurgische Gewebetransfers, patientenspezifische Implantate sowie digitale Planungsverfahren und 3D-Druck zum Einsatz. „Es geht nicht nur um das äußere Erscheinungsbild, sondern um grundlegende Funktionen wie Sprechen, Schlucken und soziale Teilhabe“, betont der DGMKG-Experte.
MKG-Chirurgie im Einsatz bei Katastrophenlagen
Nicht nur im Kriegsfall, sondern auch in zivilen Katastrophenlagen – etwa bei Terroranschlägen, Explosionen, Naturereignissen oder Großunfällen – zeigt sich die Relevanz der MKG-Chirurgie. In diesen Situationen müssen viele Schwerverletzte gleichzeitig versorgt werden. Die sogenannte Triage entscheidet darüber, wer sofort behandelt wird und wer „warten kann“. „Dabei müssen die behandelnden MKG-Chirurginnen und -Chirurgen präzise Entscheidungen über Behandlungsprioritäten treffen und extrem rasch handeln“, erläutert Schramm. „Sie sind nicht nur operativ tätig, sondern auch maßgeblich an der Ersteinschätzung und Koordination beteiligt.“
Vorbereitung ist entscheidend: Training, Standards und Ethik
Die Bewältigung solcher Extremsituationen setzt eine umfassende Vorbereitung und spezielle Voraussetzungen voraus. Dazu gehören realitätsnahe Simulationstrainings, interdisziplinäre Übungen sowie internationale Kooperationen. Ebenso wichtig sind standardisierte Behandlungsprotokolle, die auch unter schwierigen Bedingungen zuverlässig angewendet werden können. Darüber hinaus stellen ethische Fragestellungen – etwa Entscheidungen unter Ressourcenknappheit – eine große Herausforderung dar und erfordern klare Strukturen sowie unterstützende Systeme für das medizinische Personal. „Die MKG-Chirurgie ist im Ausnahmezustand ein unverzichtbarer Bestandteil der Notfall- und Katastrophenmedizin. Unsere Stärke liegt in der Verbindung von Akutversorgung und langfristiger Rekonstruktion. Ziel muss es sein, diese Kompetenzen weiter auszubauen und die Zusammenarbeit national wie international zu stärken – denn auf Ausnahmezustände müssen wir bestmöglich vorbereitet sein“, betont Professor Schramm abschließend.
Weitere Informationen zum Kongress finden Sie unter https://www.dgmkg-kongress.de/
Kontakt für Rückfragen:
Pressesprecher der Deutschen Gesellschaft für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie e.V. (DGMKG)
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